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Reisetagebücher

Zwischen Himmel und Strand
Eine Reise um Rügen 1999
Erste revidierte und ergänzte Auflage
nach dem Log – oder Tagebuch des
Schiffsoffiziers und Weltreisenden
Sven Rothe,
der im Jahre des Herrn 1999 den
nördlichen Seeweg um Rugia fand.


Copyright beim Autor und Verleger
20. September 1999
ISBN – is nich

Inhalt

Wustrow, Freitag, den 06. August 1999

54° 20,57′ N
012° 23,46′ E

Nach langer Vorbereitungszeit kommen wir mit unserem Expeditionsschiff in Wustrow an, dem Heimathafen unserer Boote. über ein Jahr harter Arbeit liegt hinter uns und nun soll es soweit sein, das große Abenteuer. Manche nennen sowas auch Urlaub. Unsere Mannschaft besteht aus drei mehr oder weniger gestandenen Seefahrern. Da wären zum einen Christian Breddin, Kapitän des einen Bootes mit dem klangvollen Namen „4782“, zum anderen Jan Castendiek, erster Offizier und Steuermann sowie meine bescheidene Wenigkeit, Sven Rothe, in Eigenschaft als Kapitän des Zweiten Bootes, ersten Offiziers, Expeditionsschreibers und Navigators. Wenigstens Koch musste ich nicht immer sein. Wir besetzen erst mal die Ausrüstungsstation des Reeders, der uns die Boote für unsere Mission zur Verfügung gestellt hat. Danach holen wir Jan mit dem Motorboot aus Ribnitz ab, weil er sein Auto lieber im Anhaltinischen parkt und desderwegen ein Bahnfahrer ist ohne Anschluss. Wieder in Wustrow feiern wir den Beginn des schönen Lebens. Das Wetter ist prima und wir machen uns auf in eine lange Nacht.

Wustrow, Sonnabend, den 07. August 1999

54° 20,57′ N
012° 23,46′ E

Nach dem Verstauen des Gepäcks sind wir nach einer wirklich langen Nacht um 14 Uhr in Wustrow losgefahren. Im Permin haben wir achterlichen Wind und Sonne. Jan fährt bei Christian mit. Es ist schön gemütlich, man köpft das erste Bier auf dem Wasser. Mit dem Barnstorfer Haken verabschiedet sich auch gleich die Gemütlichkeit. Kreuzen gegen östliche Winde 4 – 5. Bis zu den Bülten habe keine Probleme.

Für alle Unwissenden: die Bülten sind eine Kette von Inselchen, die den Saaler Bodden in seiner natürlichen Ausbreitung nach Osten begrenzen, verbunden mit extremen Flachwasser und Winden, die mit sich selbst nie im Reinen sind. Ein Biotop also.

Jan und Christian sind weit vorraus. In den Bülten wird es schwierig.Ich komme nicht mehr richtig voran. Das Wasser ist zwar ruhig, hat aber Strömung. Der Wind gibt sein Bestes. Ich kreuz hin und her. Zwei links,zwei rechts, ein´ fallen lassen. Jetzt müsst ich mir mal was einfallen lassen. Am Ende der Ausfahrt wird′s noch schlimmer. Ich schwächle. Eine Tonne hat es mir angetan. Ich komm nicht dran vorbei,beschließe sie zu rammen. Nun reicht es. Fock einholen und ins schützende Schilf. Ich ruf Christian an. Alles Schei... und Flüche und Eingeständnis meiner Unzulänglichkeit. Ja, er kommt. Mit Jan. Dabei waren sie schon fast in Wiek. Wir machen eine Pause, schimpfen über den Saaler Bodden. Jan steigt bei mir auf. Dann geht′s weiter. Auf einmal habe ich das Gefühl, es ist weniger Wind. Auf alle Fälle ist weniger Sonne, nämlich gar keine. Als wir die schützenden Landzungen verlassen, gibt′s noch mal ordentlich Saures. Wieso muß Jan ausgerechnet jetzt...? Na egal, wir schaffen es bis Wiek, sind beinah trocken, bis auf Jan. Abends fängt es an zu regnen, Christian versucht eine Wespe zu trinken. Ach prima, das fängt ja gut an! Wir gehen ins „Haferland“. Das entschädigt. Warm. Trocken. Kellnerin! Christian lutscht Eiswürfel.

Erster Tag: Respektive Scheiße!
Verluste: keine
Schäden: eine kaputte Brille, eine kaputte Öllampe und in deren Folge durchölte Streichhölzer, ein Wespenstich, eine kaputte Klemme, eine undichte Persenning, eine kaputte Heckklappe.

Wiek,Sonntag, den 08.August 1999

54° 24,52′ N
012° 35,67′ E

Die ganze Nacht hat es geregnet. Am Morgen treibt sturmartiger Wind Katz und Maus mit den Wolken. Aber er kommt wenigstens aus Südwest: Wir duschen. Das ist schööön! Frühstücken um 13 Uhr. So langsam lässt der Wind nach, die Sonne traut sich auch mal rauszukommen. Kati bringt Christians ölzeug nach. Ein Seemann ohne ölzeug...ts! Wir beschließen loszufahren. Am späten Nachmittag geht′s los. Bis zur Meiningenbrücke, wo wir den Mast legen und hindurch paddeln. Dann wieder alles aufbauen und weiter geht′s nach Zingst. Winde finden hier kaum noch statt. Strahlender Sonnenschein findet unsere wohlwollende Aufmerksamkeit. Als wir aus dem Zingster Strom in den Barther Bodden laufen ist so gut wie Flaute.

Für alle Unwissenden: Wir fahren Segelboote OHNE Motorkraft und Flaute bezeichnet man den Zustand, wenn ein Segler sich in einem Gebiet mit sehr wenig oder absolut keiner natürlichen Luftbewegung durch Druckausgleich, kurz Wind genannt, befindet und darum nicht segeln kann.

Weil es langsam dunkel wird, beschließen wir zu landen. Wir suchen uns eine schöne Stelle. Dort, im Schilf auf Fahrenkamp, wird es furchtbar ‚mückig′. ‚ die Luft birgt Myriaden von Mücken und ihr Sirren übertönt sogar das leise Rascheln der Blätter′. Unter ein paar Pappeln finden wir einen schönen Platz zum zelten. Als wieder etwas Wind aufkommt, verschwinden die Mücken, der Rest Wolken verkrümelt sich und wir bleiben mit den Grillen und den Sternen allein.

Verluste: eine Sonnenbrille (Jans)
Schäden: Christian hat sich ein Stück Zahn abgebissen. Für Schäkel sollte man vielleicht doch eine Zange benutzen.
Zweiter Tag: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Für Unwissende: Ein Schäkel oder Schekel, oder wie man die Dinger sonst schreibt, sind kleine runde, mit einem Schraubbolzen verschließbare, einem Karabinerhaken nicht unähnliche Gebilde, die, wenn sie nicht aus Nirosta-Stahl sind, gerne vergrießgnaddeln und eben dann mit einer Zange wieder gelöst werden müssen.
Für Unwissende II: vergrießgnaddeln vr 1.verrosten 2. festsetzen,klemmen

Fahrenkamp,Montag , den 09.August 1999

54°23,86′ N
012°48,10′E

Los geht′s. Schöner Westwind nimmt uns am Schlaffittchen und schiebt uns gen Osten. Christian hat es mal wieder mit den Insekten, diesmal eine mutierte Monsterbremse. Autsch! Jan sitzt an der Pinne und nörgelt. Das Ruder geht so schwer und der Kahn eiert so und überhaupt. Irgendwann übernehme ich das Steuer, d.h. das, was davon noch übrig ist, weil das Blatt sich gerade mal eben aus der Halterung verabschiedet und sich verdünnisieren will. Ich fang es ein und beginne die Reparatur. Jetzt sind natürlich auch schöne Wellen da, wie sollte es auch anders sein. Angebotene Hilfe von anderen Schiffen lehne ich überheblich ab. Ja wer sind wir denn!? Ich schraube einen Bolzen von der Pinne ab und befestige damit das Ruderblatt. Schiff ahoi! Zwei „Affenfelsen“ machen Wellen.

Für Unwissende: „Affenfelsen“ sind sich gebirgsartig auftürmende Motoryachten, die von darauf herumspringenden Individuen entgegen der, von der Seemannschaft gebotenen Rücksichtnahme gesteuert werden. Eben Felsen mit Affen drauf.

Wir schreien Zeter und Mordio, fluchen zum Gotterbarmen, was man in zwei Seelenmessen nicht wieder gut machen kann. Nützen tuts uns nix. Aber es geht weiter und bis Barhöft überholen wir sogar noch eine Segelyacht. Das macht Spaß weil so selten. In Barhöft machen wir Pinkelpause mit Einkaufen und Reiseberatung. Es geht um die Frage von welcher Seite der Insel wir angreifen wollen. Man einigt sich aus imaginären Gründen auf West und los geht′s. Erst mal bis Neuendorf auf Hiddensee zum Schwarzen Peter. Das ist das anstrengendste heute. Viel auf am-Wind-, Halbwindkursen.

Für Unwissende: „Handführer zum Erlernen des Segelns in Grundlagen“ von Un.Dree ersch. Im Luv und Lee-Verlag,Kiel 1980, 39,-DM

Wir schaffen es aber doch noch, obwohl ich mit Jan zum Schluß noch einen sklavischen Wolgatraidler in meinen Dienst presse. Es macht Spaß sich ziehen zu lassen. Trotzdem freut er sich und Christian findet eh alles super, und nur ich bin leicht angeschlagen, was die Beiden nicht verstehen, aber egal. Jan gibt sich heute die Kante. Hat er versprochen und hält er auch. Heute hat er nämlich Bock. Aber erst mal Abendessen, Angeln auswerfen, Zelte und Planen aufbauen. Nachher wollen wir noch an den Strand und heute abend ins Lokal. Schaun wir mal.

Verluste: ein Ruderbolzen
Schäden: keine, außer Normalbier is alle
Dritter Tag: Wenn Götter reisen...

Schwarzer Peter,Hiddensee,Dienstag, den 10. August 1999

54° 30,93`N
013° 05,18`E

Gestern waren wir noch schön auf Kneipentour, in deren Verlauf wir so diverse Erinnerungen an unseren letzten Besuch auf der Insel wieder hervorkramten und, wenn wir damit nicht weiterkamen, uns seelenruhig unserem Alzheimer überließen. Vorher war allerdings noch ein schönes Ostseebaden angesetzt, in dessen Verlauf, Jan versucht, mich mit einer Duschgelflasche zu erschlagen. Ich beschließe ihn im Auge zu behalten, damit eine eventuelle Meuterei schon im Ansatz scheitert! Heute morgen zum Einkauf beim hießigen Krämer und extra für Jan braune, klebrigsüße und ihrer Konsistenz an weiches Bitumen erinnernde Masse namens „Nussschleim“, oder auch „Schmierkacke“, mitgebracht. Dieser Mensch gibt mir Rätsel auf. Bevor wir jedoch den Händler überfielen gönnten wir uns zur Stärkung und Förderung der Assimilation einen schönen Kaffee, der auch den gewünschten Erfolg brachte. Der Wind steht günstig. Wir brechen auf und nehmen Kurs auf in Richtung Norden. Vor Dranske 54° 30,13′ N, 013° 12,55&prime E herrscht absolute Flaute. Wir dümpeln so vor uns rum. Juliusruh als angepeiltes Ziel werden wir nicht mehr erreichen. Wir machen Rast, dümpeln dann weiter. Der Wind kommt jetzt von Land und Jan verliert am Steuer mal eben die Orientierung. Der Wind trägt Musik, Geschrei und Hundegebell vom Festland herüber. Der Großbaum schlägt durch die Wellen ständig hin und her. Nerv! Irgendjemand sollte die Wellen abstellen, und irgendjemand sollte den Hund erschießen! Gegen 20 Uhr landen wir in Bakenberg. Gewitterblitze erhellen die Dämmerung. Nun aber! Boote raufziehen, Zelte bauen etc. alles fix!
Wir haben Hunger. Und das hätten wir mal lieber nicht haben sollen. Wir suchen ne´Pinte und finden eine. „nein, wir haben nichts zu essen. Wir kochen nur donnerstags, Zigaretten? Geraucht wird hier auch nicht!“ Bloß weg hier. Es ist inzwischen 23 Uhr. Wir laufen diverse Etablissements an. Alles verschlossen. Der „Heidehof“ ist aber auf. Schön. „wir haben aber schon Abrechnung gemacht! Decken schon für Frühstück ein...Vielleicht beim Griechen?“ Der Grieche ist auf. „Essen? Wir haben schon seit zwei Stunden kein Essen mehr gemacht. Küche alles schon sauber...“ Nach Betteln und „auf die Knie“ gibt′s doch Essen. „ich weiß nicht, ob es Euch der Kollege schon gesagt hat, aber das Bier ist alle !“ Oje! Man trinkt Wein. Inzwischen regnet es auch nicht mehr, als wir wegvermessend zurückstolpern. übernacht kommt Wind auf und Jans Zelt steht nur noch zur Hälfte. Egal.

Vierter Tag: So ohne Wind, wird das wohl nichts
Verluste: keine
Schäden: keine

Bakenberg,Mittwoch, den 11.August 1999

54° 40,31′ N
013° 17,03′ E

Windstärke 6. Starke Brandung und man sitzt fest. Wir zeigen Jan ein Bild der Kreidefelsen aus der Zeitung. Nur für den Fall, dass er sie nicht mehr leibhaftig erlebt. Weil am Sonntag will er uns verlassen. Wegen zu wenig Urlaub und so. Es stürmt und tobt. Ich habe mein Zelt eingegraben und es gibt Frühstück bei mir. Christian und ich kaufen beide Brötchen. Die Kommunikation um diese Stunde funktioniert fantastisch. Der Campingplatz über uns ist ein fabelhaftes Ossilehrstück. Vor allem der Laden. Nippes und Souvenirs gibt es en gros, aber bei Lebensmitteln ist Survivaltraining angesagt. Den Kuchen im Schaufenster haben die Wespen schon für sich reserviert. Kein Rankommen! Bier gibt′s nur eine Sorte. Saft gar nicht. Der Kassiererin muß man sagen, was ihre Waren kosten, weil sie kennt die Preise nicht. Aber Brötchen gibt es. Und nach dem Frühstück gibt′s Sonnenfinsternis! 85%ig!Auch mal ganz nett. Der starke Wind und die Brandung machen mir aber mehr Sorgen, als der bevorstehende Weltuntergang. Vielleicht hängt das ja auch zusammen. Wir beschließen auf ein Bierchen zu gehen. Es wird wieder ein Staffellauf wie am Tag zuvor. Erste Pinte,zu. Zweite, erst ab 18 Uhr. Dritte, ab 18 Uhr. In der „Oase“ finden wir eine offene Tür. Mittagstisch von 12-14 Uhr. Es ist 13 Ur 20. „Wollt ihr noch was essen?“ Wir befürchten abgewiesen zu werden und sagen trotzdem ja. Das Interieur ist vom Feinsten. Original DDR. Genau wie das Publikum. Nicht mal für neue Tapeten hat es gereicht. Bierwerbung für 20 Sorten, aber keins davon ist zu haben. Außer Lübzer, das gibt′s, ohne irgendwo erwähnt zu werden. Essen kommt. Gewünschte Bratkartoffeln waren „aus“. Und Klöße „ham wa nich!“ Aber höflich die Bedienung und das Essen schmeckt. Strandtag. Jeder tut, was er am besten kann, zu dieser Stunde. Ich schlafe. Danach bisschen gucken, Mädels und so. Heute abend wollen wir ins „Bermudadreieck“. Das ist eine Kneipe, die wir eher zufällig gefunden haben. Beim Vorbeigehen sah es ganz nett aus. Abwarten. - Es ist nett! Eine schöne Bikerkneipe! Und das hier! Theo, der Wirt, ist höchst amüsant und der Boden liegt unter zwanzig Zentimetern Erdnussschalen. Der Abend wird lustig und irgendwann schwankt ein jeder zu seiner Schlafstatt.

Fünfter Tag: So ein Ruhetag ist nicht übel, aber der Wind...
Verluste: keine
Schäden: Irgendwann Jans Zelt

Bakenberg,Donnerstag,den 12.August 1999

54° 40,31′ N
013° 17,03′ E

Der Wind hat nachgelassen.Die Brandung ist aber immer noch zu stark. Wenn sich das nicht bald ändert, sitzen wir hier noch länger fest. ‚Es ist wohl so, daß unsere Expedition hier noch einen Tag verweilen soll. Der Herr hat kein Einsehen mit uns und wir kleinen Erdenwürmer sind eben doch nur Spielball seiner Natur. Dazu fällt mir nur noch Wilhelm Busch ein.
„Fortuna lächelt, doch sie mag
Nur ungern voll beglücken;
Schenkt sie uns einen Sommertag,
So schenkt sie uns auch Mücken.“
Von Mücken gibt es jetzt natürlich nicht die Spur. Man kann sie aber auch bequem gegen Wind und Wellen eintauschen. Wir könnten jetzt natürlich die motorisierten Camper beneiden, aber daß ist abwegig gegenüber dem Ziel unserer Expedition einen Seeweg nördlich um Rugia zu finden. Wenn wir wenigstens schon das sagenhafte Kap passiert hätten, wo es dann nach Süden auf die andere Seite gehen soll...! Dort wäre unserer Troß bei dem jetzigen Wetter besser aufgehoben. Geb es Gott, diesem elenden Strande zu entfliehen! Es wird besser, aber nicht gut. Zur mittäglichen Pinkelpause sehe ich zu, wie mein Wasser aus dem Abfluß des Beckens in einen randvollen Eimer plätschert. Sehr lecker! Theo. Theo schenkt uns Trost. Und „Krabbeldiewandnuff!“ Höllisches undefinierbares Gebräu! Vorallem sehr scharf. Es ist abzusehen, Daß wir nicht wie vorgenommen, um 6 Uhr aufstehen werden. Wir machen die Nacht zumTag, weil uns der Tag nichts bieten konnte.

Sechster Tag: Finstre Öde im Alk ersäuft.
Verluste : keine
Schäden: Das Budget fängt an zu leiden.

Bakenberg, Freitag den 13. August 1999

54° 40,31′N
013° 17,03′ E

Früh morgens regnet es. Aufstehen ist nicht. Ein expeditionsübergreifendes Koma hat uns erfasst. Aber um 10 Uhr geht′s los. Wir packen. Müssen heute unbedingt los und die Vorraussetzungen sind so schlecht nicht.Christian fährt zuerst und ist bald entschwunden. Jan und ich stehen nicht so auf Akrobatik und fahren nur mit der Fock. Bevor wir aus Brandung kommen, versucht das Boot, Jan zu erschlagen. Klappt aber nicht. Dann legt es sich quer auf die Welle und saust mit uns wieder zum Strand. Jan sitzt inzwischen auch drin und dann kommen wir auch raus. Vorher säuft unser Kahn aber erstmal Wasser, wie wir gestern abend Bier bei Theo. Dann Richtung aufs Kap. Welle und Wind von achtern. Wir rodeln mehr oder weniger gemütlich gen Osten. Wir passieren das Kap und ich finde es gar nicht so aufregend. Dann überqueren wir wir das Tromper Wiek und fahren dann um eine Ecke in ruhige See. Es ist ein Traum! Wasserfarbe wie in der Südsee, Kreidefelsen, Sonne, gemütliche Fahrt, einfach super! Christian ankert in einer kleinen Bucht und wartet auf uns. Die großen Wellen haben ihm Spaß gemacht, aber das leichte Schaukel macht seinen Magen nervös. Sagt er. Wir ziehen jetzt auch das Groß auf und segeln weiter.

Für Unwissende: Eine Fock ist ein Vorsegel, während das Groß seltsamerweise auch Großsegel heißt, während es gar nicht immer das größte Segel ist. Beide haben zusammen auf unserem Boot eine Fläche von zirka 12 Quadratmetern, also so groß wie meine Küche.

Zuerst wollen wir nach Saßnitz und dann nach Prora. Weil der Wind aber einzuschlafen droht und es auch schon bannig spät ist, fahren wir gleich nach Prora. Prora. KdF-Arbeiterheim. Kilometerlanger Block. Dafür aber wunderschöner Strand. Wir machen alles fertig, gehen essen und freuen uns. über den rundum gelungenen Tag. Morgen soll es weiter gehen nach Baabe.. Nur ein kurzes Stück über die Ostsee, wenn uns das Wetter nicht im Stich läßt. Denn hier noch einen Tag verweilen, wo´s hier doch keinen Theo gibt, ist bestimmt noch öder als Bakenberg.

Siebter Tag: Anstrengung lohnt sich.
Verluste: keine:
Schäden: keine
P.S. Wir benötigen dringend eines jener seltsamen Geräte, welche nach Eingabe einer geheimnisvollen Formel papiernen Reichtum ausspucken.

Prora,Samstag, den 14.August 1999

54 ° 25,60′N
013° 35,01′E

Ich habe Geburtstag. Deswegen scheint wohl auch die Sonne. Allerdings kommen früh um sieben Individuen mit einem großen Arbeitsgerät an den Strand gefahren und wollen ein Wrack vor dem dem Strand bergen, welches sich dann aber als ein alter Militärzaun entpuppt. Krach genug machen sie trotzdem. Wir wollen heute weiter nach Baabe, aber im Moment geht nichts. Weil Christian Nachteule gespielt hat. Die Tage scheinen ihm zu hell zu sein. Das Kaffeewasser will auch nicht kochen. Prekäre Lage, diesmal nicht witterungsbedingt. Plötzlich aber doch los. Wir müssen kreuzen. Draußen wird′s immer lustiger. Wir haben mal wieder gewartet bis zuviel Wind da ist. Man kehrt um. Wir laufen Binz an und besichtigen die Slipanlage, wo wir morgen ein Boot und den Jan in die Arbeitswelt zurückgeben können. Christian und ich fahren aber noch eine Woche weiter.

Binz
54° 23,91′N
013° 37,40′E
Abends lädt uns Jan zum Abschiedsessen ein und ich danach die Jungs auf ein Bier.

Achter Tag: Schade eigentlich.
Verluste: eine Tour
Schäden: nix
P.S. Wir wollten auf einem Zeltplatz campen, der dem Bundeswehr Sozialwerk e.V. unterstand. Nur eine Nacht. Weil wir aber nicht Mitglied sind, werden wir abgewiesen. Schönen Dank auch. Und diese Kasper wollen ‚sozial′ sein, haha. Dabei ist das Areal riesengroß und fast leer. Wir sehen wahrscheinlich nicht soldatisch genug aus. Aber der Platzwart gehört erschossen, je eher, je lieber.

Prora/ Binz,Sonntag, den 15.August 1999

54 ° 25,60′N
013° 35,01′E

Wir beschlossen unsere Zelte im Wald aufzubauen . Gute Idee. Jan pennt im Boot. Nachts fängt es an zu regnen. Es wird mehr, es wird viel, es wird unerträglich. Christians Zelt spielt U-Boot und er zieht zu mir. Jan erzählt später von seiner Lenzpumpenaktion mit dem Schwamm. Jeder begegnet der Flut , so gut er kann. Jörg weckt uns mit Telefongeklingel. Er holt heute ein Boot und Jan ab. Im strömenden Regen nehmen wir ein Boot auseinander, laden um, packen ein, verzurren. Wir sind nur noch naß. Selbst die Regensachen machen das auf die Dauer nicht mit. Wir bekommen Schrumpelhände wie Opa. Als Jörg kommt, laden wir das Boot auf den Trailer und ziehen es den Strand lang, über die Düne zum Auto. Puh! Geschafft! Was jetzt noch an uns trocken war, ist vom Schweiß auch naß geworden.

Für Unwissende: Ein Trailer ist ein zwei- oder mehrrädriger Autoanhänger, der zum Transport von Booten über Land bestimmt ist, da das natürliche Umgebungselement eines Bootes natürlich Wasser ist und kein Asphalt. Ein Trailer kann aber auch ein Vorschaufilmchen über einen neuen Kinostreifen sein. Kompliziert gell?!

Wir stinken inzwischen bestimmt wie nasse Hunde. Jörg fährt mit Jan los in Richtung Stau. 3 Stunden, hörten wir später. Christian und ich besuchen derweil den Italiener an der Promenade von Binz. Erstmal Frühstück mit Kaffee (schön heiß) und Pasta. Man trocknet langsam wieder. Es ist übrigens das erste Mal, daß ich in Gummistiefeln in einem Restaurant sitze. Aber das ist egal, Hauptsache trocken. Wir träumen von Sonne, einer warmen Dusche und einem trockenem, warmen Bett. Wenn´s weiterregnet, wollen wir versuchen eine Zimmer in der Jugendherberge zu bekommen. Christian meint, daß heißt hier FAMILIENherberge. Während wir beim Italiener sitzen, hört es auf zu regnen. Es klart sogar ein bißchen auf. Wir gehen einkaufen. Es ist zwar Sonntag, aber das ist hier ja ein Ostseebad, obwohl heute niemand badet.Ich würde mal vorschlagen, daß man unter Bäderregelung versteht, daß nur Geschäfte Sonntags geöffnet haben dürfen, deren Inhaber dann auch baden gehen. Im Meer natürlich, und auch im Winter! Wir gehen zur FAMILIENherberge und fragen nach dem Zimmerpreis. Sie hat eh nur noch eins. 110 DM! öh ja, neeja, äh,ja,öh, wie ja, nee, was? Zu teuer. Jugendherberge vielleicht? Pro Nase 35 DM: Wir können uns nicht entschließen, sind nicht beschlußfähig. Zumal es ja JETZT nicht regnet und sogar die Sonne ein wenig scheint. Wir hängen unsere Sachen zum Trocknen auf. Eigentlich haben wir ideales Segelwetter. Sogar Wind aus der richtigen Richtung. Glatte See. Aber jetzt ist es zu spät. Wir kommen heute nicht mehr los. Irgendwer treibt da doch Schabernack mit uns. Aber wir sind wieder trocken, gesättigt und gestillt. Außerdem befördert positives Denken die Seelenlaune. Mit Freude, nein SCHADENFREUDE, bemerken wir, daß unsere Nachbarn vom Bundeswehrcamp ebenfalls abgesoffen sind. Tja kleine Sünden bestraft der Herr sofort und so war das Regenwasser wenigstens einigermaßen gerecht verteilt. Wir gehen in die FAMILIENherberge essen und Telefonakkus laden. Und mal sehen, was noch auf uns zu kommt.

Neunter Tag: Ein Ende ohne Schrecken, nur zu spät.
Verluste: Zeit
Schäden: Das Manuskript dieses Buches litt unter Wasser
P.S. Wir treffen am Strand 4 Sachsen, die eigentlich zu einem Rockfestival nach Hildesheim wollten. Weil sie aber ihre Karten zu je 94 Mark verloren hatten, fressen sie ihre Vorräte jetzt am Strand von Prora auf. Komische Leute gibt das!

Prora/ Binz, Montag, den 16.August 1999

54° 25,60′ N
013° 35,01′ E

Es ist trocken. Der Wind geht frisch aus Nordwest.

Für Unwissende: Frischer Wind heißt, dass der Wind eine bestimmte, ihm von diversen Wetterkaspern zugedachte Windstärke besitzt, die man in Beaufort ausdrücken kann und über deren Höhe regelmäßig Streit und Zank, unter ansonsten liebevoll miteinander umgehenden Seglern, ausbrechen; was zu bösen Folgen führen kann.

Wir segeln los. Es geht sehr schnell vorwärts. Hinter einem Haken(-Landzunge) holen wir das Groß ein und setzen die Fock. Am Nordperd dreht der Wind auf West. Schöne Wellen und wir müssen Kreuzen, weil der Wind schon wieder dreht. Es ist böig und wird noch lustiger. Ich kann der Ostsee eine gewisse, latente Aggressivität gegenüber unserem Schiffchen nicht absprechen. Wir schaufeln Wasser und ich als Fockaffe gehe duschen. Christian kriegt aber auch seinen Teil. Aber das Wasser ist warm und als ich quietschnaß bin, fängt die Sache an, mir Spaß zu machen. Wir wollen den Strand erreichen, aber ein liebenswürdiger Fischer legte Reusen bis fast nach Dänemark, so dass wir ganz schöne Umwege in Kauf nehmen mussten. Kurz vorm Südperd stranden wir, nehmen Quartier und das Land in königlichen Besitz. Sonne, Strandwetter, baden. Wir kochen uns was und urlauben. Ein Anhänger der Freikörperkultur gibt sich uns gegenüber als Segler aus und man kommt ins Gerede. Er hat uns schon gesehen und meint wir wär´n Helden. So´n Quätsch! Wenn man erst mal auf der hohen See ist, dann kann man doch nicht einfach umkehren! Aber er verspricht uns schönes Wetter. Na denn. Wir buddeln uns mit unseren Zelten am Strand ein, trinken noch einen Kaffee und gehen dann in den Ort. Thiessow ist nicht sehr groß, hat aber einen Bankomaten und ich besorge mir Reichtum. Dann versacken wir im Strandcafe. Es gibt Scholle natur und Rindsroulade. Sehr lecker und sehr zu empfehlen. Der Kellner im Thiessower Strandcafe ist auch sehr zu empfehlen. Als wir kommen, kann er schon nicht mehr richtig laufen. Als wir zahlen kann er nicht mehr richtig sprechen und gibt uns Trinkgeld. Zu Feierabend wir er bestimmt hinterm Tresen umfallen. Zuviel Bier ist auch nicht gut. Aber lustig ist er. „Spelunkenwirt“ ist noch das Harmloseste, was ihm einfällt. „Habt ihr kalte Betten zu haus, oder warum seid ihr immer noch hier?“, schimpft er mit anderen. Gegen elf kommt ein Anruf den er mit einem brüllenden „Bin gleich zu hause!“ sofort beendet. Dabei ist die Kneipe noch richtig gut gefüllt. Genau wie er. Einem Gast trinkt er mal eben vor dem Servieren ein halbes Bier aus und auf dem Tresen stapeln sich schmutzige Gläser vom ganzen Tag. In einer Ecke sitzen ein paar Leute zusammen. Die erzählen die ganze Zeit nur vom Essen. Rouladen, Kohlrouladen, Hummer und Kaviar, Bier und Wein, Krabben und Fisch. Dann über Raketen und Peenemünde. Auch die Russen kriegen ihren Teil ab. Echt okinal, das Lokal!

Zehnter Tag: wunderschön!
Verluste: keine
Schäden: keine

Thiessow, Dienstag, den 17. August 1999

54° 17,29′N
013° 42,82′E

Gestern auf dem Heimweg war die See ruhig, der Wind auch und eine sternenklare, finstre Nacht breitete sich aus. Das Licht der Oie zieht seine Kreise und ein, zwei Tonnen blinkern um die Wette. Am Himmel schnuppt es und es ist einfach nur schön. Wir schliefen ruhug und friedlich, bis auf den strandüblichen Morgentrecker, der dicht an unseren Zelten vorbeischraddelt. Jetzt ist erst einmal Frühstück angesagt. Wenn alles klappt, ist Stahlbrode anvisiert. Es klappt nicht. Wir gehen einkaufen und regen uns über 1 Mark und 9 Pfennig die Hülse auf. Auf dem Rückweg zieht über die See ein Gewitter. Und plötzlich bildet sich aus einer Wolkenbank eine Windhose! Nach und nach werden es bis zu sechs Stück. Reinste Minitornados mitten auf der Ostsee! Sie ziehen bestimmt bis an die 30m Wasser nach oben*. In Lobbe sollen die Straßen bis zu 10 Zentimeter unter Wasser gestanden haben. Hier ist nix. Alles trocken. Die Tornados bilden ein wahnsinniges Schauspiel und in kürzester Zeit ist die Promenade von Strandflüchtlingen überfüllt. Boote, die draußen sind ergreift das Hasenpanier. Sie haben unser Mitleid. Wir fahren jetzt natürlich nicht mehr los. Im Tagesverlauf beruhigt sich aber alles wieder. Aber jetzt ist es mal wieder zu spät um loszufahren. Die Windbeutel haben uns erneut einen Tag gekostet. Wir gehen zum Zelt, ziehen uns wärmere Sachen an und treffen Flutvorsorgemaßnahmen. Dann essen und zum Südperd, Fahrwasser erkunden. Danach ein „lecker Bierchen“ beim Spelunkenwirt. Und nun sitzen wir an der Promenade im „Strandtreff“ und warten die 500mm Niederschlag ab, die es hier pro Jahr nur geben soll und die natürlich ausgerechnet jetzt, wo wir da sind, niedergehen. Irgendwas muß wohl an unseren Gesichtern dran sein. Wir machen Feierabend.

Für Unwissende: Eine Windhose oder Tornado ist ein Wirbelsturm, der sich aus unerfindlichen Gründen gern im Kreise dreht und dabei gern alles, was ihm in die Quere kommt, kurz und klein schlägt. Man kann ihn sich vorstellen, wie ein staub-, oder wassersaugender Schlauch, der aussieht wie der Wasserstrudel, der beim Stöpselziehen in der Wanne entsteht. Es wäre mal interessant, ob sich in Australien die Windhosen andersherum drehen als hier, genau wie bei den Strudeln.


Elfter Tag: Schöne Schauspiele im Sommertheater Rügen
Verluste: nix
Schäden: auch nix
*Im nachhinein war es wohl mehr. Ein Mensch erzählte, dass das Wasser höher gezogen wurde, als die Mastspitze eines davor vorbeifahrenden großen Dreimasters. Und zwar bis zu dreimal mehr. Und so ein Mast hat bestimmt an die zwanzig Meter. Und wenn man den Abstand des Schiffes vom Tornado und den eigenen Sichtpunkt noch in eine hanebüchenen Rechnung mit einfließen lässt, kann man wohl davon ausgehen, das die Windhose das Wasser bis zu 90 Meter in die Höhe zog. Halleluja! Man müsste dazu mal offizielle Angaben haben, aber wir haben nirgends was darüber gelesen können, weil die Zeitungen wohl auch nicht alles gesteckt bekommen.

Thiessow, Mittwoch, den 18. August 1999

54° 17,29′N
013° 42,82′E

Herrliches Wetter. Frühstücken und los. Wir kreuzen bis hinter den Südperd.

Für Unwissende: Mit Kreuzen bezeichnet man diejenige Form des Segelns, die am langwierigsten, anstengendsten, und manchmal, bzw. meistens, auch am nervenaufreibensten ist. Man fährt dabei in einem ständigen Zickzack-Kurs gegen den Wind an. Je lustiger Wellen und Wind, um so fescher der Sport, den man dabei treibt.. Man kommt nicht nur überhaupt nicht vorwärts, nein, man fährt auch noch gut ein Drittel mehr Meilen. Das Ganze ist nicht erhebend bei sowohl viel, wie auch wenig Wind.

Dann ereilt uns die Flaute. „Kann man Spinnaker eigentlich auch bei Halbwind fahren?“ „Wir haben keinen Wind.“ „Aber dann trocknet er wenigstens...“ Wir setzen Spinnaker und das bisschen Wind dreht auf Südost-Ost. Super. Wir pflügen los. Quer über den Greifswalder Bodden in Richtung Strelasund. Es ist so ruhig, dass wir Kaffee kochen können auf dem Boot und Stullen schmieren. Es ist einfach herrlich. Die Blase zieht und zieht.

Für Unwissende: Blase, die.. Sub , bezeichnet den Spinnaker. Spinnaker, der..., auch das Spinnakersegel, ist ein, völlig überdimensioniert, großes Segel aus leichtem Seiden- oder Kunststoff, das sich bei leichten bis mäßigen Winden aus achterlichen Winden gut aufblasen lässt und so das Boot hinter sich herzieht. Meist ist es in quietschbunten Farben gehalten, damit der Segler, der durch dieses Segel nicht mehr nach vorn sehen kann, auffällt und von anderen Wasserfahrzeugen gemieden wird.

Wir laufen Stahlbrode an, um uns mit frischen Räucherwaren einzudecken. Bis hierher war die Navigation eher Rätselraten. Wir wussten zwar, wo wir sind, konnten den Punkt auf der Karte aber nicht eindeutig identifizieren. Das kommt, wenn man mit GPS, aber mit einer Karte ohne Längen- und Breitengrade fährt, die zwar speziell für „sicheres Navigieren“ gefertigt, aber auf dem Stand von vor fünf Jahren sind. Wir haben den Strelasund trotzdem gefunden. Unterwegs zieht ein Minitief auf. Schwarze Fliegen oder etwas ähnliches überfallen uns. Segel, Boot und wir sind schwarz. Sie sind überall, kriechen überall rein. Darüber könnte Hitchcock vielleicht einen Film drehen, w enn er noch könnte. Hitchcock´s „Fliegen“ zum Beispiel. Aber wir kommen auch so aus diesem Inferno heraus. Weil das Wetter gut ist, fahren wir von Stahlbrode aus weiter. Strelasund Richtung Nordwest. Kochen uns ein Süppchen und verstecken unser Bier vor der vorbeischleichenden Wasserpolizei. Vor Stralsund setzt Christian alle S egel, die da sind: Groß , Fock und Spi. Der übertakelte Kahn läuft was er kann. Ich telefoniere derweil mit Jan und setze ihm die Gemütlichkeit eines Urlaubs auseinander. Wir kommen zum Rügendamm. Weil wir nicht wissen, ob wir durch passen, lassen wir nur das Groß oben. Christian löst das Vorstag und wir fahrn mit gekippten Mast, aber vollem Segel hindurch. Es sieht trotzdem immer noch knapp aus. Dann noch ein Schlag bis Altefähr in den Hafen. Raus aus´m Boot, rin in die Kneipe. Heute haben wir geschafft wie die Teufel. Aber schön wars doch. Es fängt an zu tröpfeln und wir machen alles fertig. Christian schläft auf dem Boot und ich, wahrscheinlich verbotenerweise, im Zelt auf der Wiese nebenan. Irgendwer wird sich schon aufregen.

Zwölfter Tag: Geil!
Verluste: Meine Blechdose, von Christina seebestattet.
Schäden: Christians Heckklappe hat dasselbe Problem wie meine, sie ist putt.

Für Unwissende: Ein Schlag bezeichnet die Strecke zwischen einer und der nächsten Wende oder Halse; oder einfach nur in die Fresse, auf´s Maul etc...

Altefähr, Donnerstag, den 19. August 1999

54° 19,75′N
013° 07,35′E

Um sieben aufstehen. Frühstücken im „Hol über“. Dann los. Wegen meiner unzulänglichen Fahrweise kommen wir nicht aus dem Hafen. Ehe was kaputtgeht ,übergebe ich mich an den Käpt´n . Wir machen gute Fahrt bis in die Barhöfter Rinne. Christian versucht irgendwas an der Fock. Ich bin derweil am Steuer. Es regnet Bindfäden, der Wind wird stärker und kommt genau von vorn. Wir beschließen umzukehren. Ich versuche eine Halse, Christian sitzt auf dem Bug und kriegt Muffengang. Zu seinem Glück schaffe ich die Halse nicht, weil ich ein Einsehen habe und drehe dann halt doch einen Kreisel in die andere Richtung. Wir fahren nach Barhöft. Schluß aus vorbei! Letzte Station! Es gewittert, regnet und starker Wind. Keine Aussicht auf Besserung. Wir rufen Kati an. Wollen uns abholen lassen und morgen die Jolle mit dem Motorboot abholen. Die Stimmung ist im Eimer.

Dreizehnter Tag: warum?
Verluste: keine
Schäden: meine Angel hat gelitten

Wustrow, Donnerstag, den 19.August 1999 abends

54° 20,57′ N
012° 23,46′E

Kati hat uns abgeholt. In Wustrow erfahren wir, dass das Wetter sich nicht bessern soll. Windstärke 7 und Regen. Also bitten wir Jörg, dass Boot mit dem Trailer zu holen.

Wustrow, Freitag, den 20.August 1999

54° 20,57′ N
012° 23,46′E

Wir fahren bei Sturm und Regen los. Unterwegs klart es auf und in Barhöft ist strahlender Sonnenschein bei idealem Segelwetter. Man fühlt sich doch irgendwie verars...! Wir slippen das Boot und fahren nach Wustrow. Man grillt, Kati kommt und wir machen uns einen gemütlichen Abend.

Wustrow, Sonnabend, den 21 .August 1999

54° 20,57′ N
012° 23,46′E

Wir räumen die Bodenstation und die Boote auf. Dann geht es nach Hause. Es ist wieder stürmisch. Dieser Urlaub ist zu Ende.

Vierzehnter, Fünfzehnter und Sechszehnter Tag: Vernunft siegt!
Verluste: keine
Schäden : keine

Ein Resümee

Dieses Buch spiegelt natürlich nur bruchstückhaft wieder, was wir alles gesehen und erlebt haben. Im Laufe der Zeit wird in Gesprächen sicher noch die eine oder andere Sache aus dem Dunkel geholt werden. Wie zum Beispiel Jans Faux pas in Bakenberg bei „Theo“. Hätte er doch von einer richtig hübschen blonden Sirene die ‚ultima ratio′ bekommen können und lässt sich doch nur ihre Telefonnummer geben. Naja, ein jeder knüpft sich sein soziales Netz selbst. Aber wir andern haben uns natürlich köstlich amüsiert.

Für Unwissende: Sirene, die ...Sub, bezeichnet eine Art Lorelei oder Meerjungfrau, die mit betörendem Gesang Menschen männlichen Geschlechts in ihre meist verderblichen Arme lockt.
Was weniger amüsant war, ist die undurchschaubare Strategie des Hl. Petrus . Vor dem Urlaub Sonne satt und als wir losfahren, zaubert er jeden Tag was neues an den Himmel. Das machte wohl vor allem mir zu schaffen und brachte mir den Ruf eines Nörglers ein.

Für Unwissende: Der Hl.Petrus hat mal den Jesus Christus gekannt, ist jetzt Türsteher im Himmel und wird gemeinerweise für das bestehende Wetter verantwortlich gemacht. Was natürlich großer Blödsinn ist. Aber es immer schön, wenn man einen Verantwortlichen finden kann.

Nichtsdestotrotz haben wir die Ehre bekanntzugeben, dass es einen nördlichen Seeweg um Rugia auch für Jollen gibt! Der etwas unrühmliche Abschluß unserer Expedition tut der tatsächlichen erfolgten Umrundung der Insel, und dem Unternehmen überhaupt, keinen Abbruch. Saßen wir fest, schafften wir am nächsten Tag um so mehr. Man denke nur an die Etappen von Bakenberg nach Prora oder von Thiessow nach Altefähr. Unsere Wünsche und Hoffnungen sind erfüllt, unser Ehrgeiz befriedigt und unsere Eitelkeit von mehreren Leuten bestätigt. Von „verrückt“ bis „Helden“ reichten die Kommentare. Große Augen und Ehrerweisungen gab´s überall. Es sind halt die kleinen Sachen, die uns Kinder immer wieder befriedigen. Und im nächsten Jahr packt es uns, mit dem Motorrad nach Spanien zu fahren. Südfrankreich, Pyrenäen (wie schreibt man die?), Spanien und zurück. Wer weiß, ob wir das schaffen, weil es ist nicht nur weit, sondern auch teuer. Aber jetzt ist erst mal Weihnachten und wir haben Urlaub bitter nötig!

Ende

Teilnehmer der Expedition:


Christian Breddin: Käpt´n der „4782“
Jan Castendiek: Erster Offizier und Steuermann der „4798“
Sven Rothe: Käpt´n der „4798“, Erster Offizier und Steuermann der „4798“, Logbuchführer, Navigator

Für Unwissende: Ein Navigator übt die Tätigkeit der Navigation aus.
Navigation, die .. Sub, ist die Kunst sich inmitten einer endlosen Wasserwüste nur mit Hilfe eines hochtechnisierten Satellitensystems und einer leidlichen Karte orientieren zu können, ohne dabei aus der Fassung zu geraten und andere Leute anzuschreien, wer hier wohl der Kartenleser sei.


Reiseweg und Etappen:



Von Wustrow nach Osten bis zum Bock, dann nach Norden bis Arkona, weiter nach Osten bis Stubbenkammer und dann südöstlich abfallende bis zum Südperd. Dann wieder südwestlich bis zum Strelasund und nordwestlich bis Barhöft.

1.Tag Wustrow- Wiek
2.Tag Wiek-Fahrenkamp
3.Tag Fahrenkamp-Hiddensee
4.Tag Hiddensee-Bakenberg
5.Tag Bakenberg
6.Tag Bakenberg
7.Tag Bakenberg-Prora
8.Tag Prora-Binz-Prora
9.Tag Prora
10.Tag Prora-Thiessow
11.Tag Thiessow
12.Tag Thiessow-Altefähr
13.Tag Altefähr-Barhöft-Wustrow

Schadensbilanz: Nichts, was nicht zu reparieren wäre
Verlustbilanz: Nichts, was nicht zu ersetzen wäre
Proviant: gabs reichlich
Budget: Wie immer überfordert, aber gerecht geteilt

Unseren herzlichen Dank für ihre Unterstützung gilt der „Bodencrew“ : Kati Sielaff, Jörg Koßfelder, Mathias Dabels sowie Wolfgang Richter als Vertreter des „Schiffeigners“ und „Reeders“ . Mein besonderer Dank gebührt Michaela Seemann und Rollo Seemann, die sich aufopfernd um meine „Familie“ gekümmert haben.

Für die technische Unterstützung danken wir:
D2-privat
Nokia
Spar, Edeka, real, etc
GPS und Satellite System Magellan
geo-hydro
Ostseezeitung, Bild, Radio und allen die sich hier vernachlässigt fühlen.

Alle Personen und Begebenheiten sind wahr, echt und existent. Jede Unhöflichkeit des Autors soll als literarische Freiheit gelten, da ein einfaches Logbuch so spannend ist, wie das BGB. Etwas Seemannsgarn gehört nun mal dazu. Auf Anfrage erhält der geneigt Leser ein qualitativ, hochwertiges gebundenes Exemplar in DIN A5. Auf Wunsch auch in der aktuellen Milleniumausgabe.

Jede Vervielfältigung, Plagiation und Vertrieb ist verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Rosamunde Pilcher nicht unter 2000 Seiten bestraft. öffentliche Aufführung nur mit Genehmigung des Herausgebers. Alle Rechte und Druckfehler liegen beim Autor und Herausgeber
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